Was ist eine normale Familie?

Eine Psychotherapeutin fragte mich einmal,
ob meine Mutter zu Ostern das Haus festlich geschmückt habe.
Ob sie mir Kakao machte, wenn es mir schlecht ging.

Ich musste kurz überlegen,
ob wir vom selben Planeten sprechen.

Ostern war bei uns kein Dekorationsprojekt.
Kakao gab es allerdings täglich.
Nicht als Trost,
sondern als Bildungsmaßnahme.

Meine Großmutter war überzeugt,
man könne mit leerem Magen nicht lernen.
Also gab es Kakao.
Ich lernte trotzdem nichts über Verdauung.

Der Kakao kam jeden Morgen an exakt derselben Stelle wieder hoch,
wenn mein Vater mich zur Schule fuhr.
Mein Körper hatte andere pädagogische Konzepte.

Kind wird von Mutter und Großmutter am Küchentisch beim Essen gefüttert, 1970er/80er Jahre, familiäre Alltagsszene in Polen.

Essen war ein Ereignis. Zeugen anwesend.

 

Vielleicht beginnt Normalität genau da,
wo niemand merkt, dass sie erfunden ist.

Meine Großmutter war Kaschubin.
Ethnisch deutsch.
Das genügte einem Gesetz,
um uns ausreisen zu lassen.

Nicht sofort.
Nicht reibungslos.
Aber offiziell.

Meine Mutter überlegte kurz,
ob wir stattdessen als Juden über Dänemark gehen sollten.
Andere Kategorie, andere Route.
Identität als Reiseoption.

Am Ende entschieden wir uns für die Rückkehr.
In das Land, das man Täterland nannte. Nannte. Immer noch nennt.
Was für ein Wort für ein Kinderzimmer.

Manche Familien lösen Konflikte nicht.
Sie wechseln einfach das System.

Und die Kinder wachsen hinein,
als sei das alles ganz normal.

Was ist eine normale Familie?

Vielleicht die,
die ihre Absurditäten gut organisiert.

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Die Teilungen Polens – Staatskunst, Macht und das Verschwinden einer ganzen Republik